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Untergang im Übergang

Vor 130 Jahren ließ Theodor Storm einen Deichgrafen scheitern

Dass der 19jährige Lehrling Emil Hansen die Entstehung von Theodor Storms letzter großer Novelle in irgendeiner Weise beeinflusst hätte, lässt sich nicht belegen. Das Gegenteil aber auch nicht. Möglich wäre es immerhin, denn der Lehrling, der den Namen Hansen später gegen den seines Geburtsortes eingetauscht hat, war von seinem Meister, dem Flensburger Möbeltischler Heinrich Sauermann, beauftragt worden, für einen Schreibtisch, den Storm als Geschenk zu seinem siebzigsten Geburtstag bekommen sollte, vier tiefsinnige Eulen zu schnitzen. Diese Eulen zieren den Aufbau dieses wuchtigen Möbelstücks, gleich oberhalb der Tischplatte und starren rechts und links an dem jeweils daran Sitzenden vorbei.

            Der Schreibtisch ist heute im Stormhaus in Husum zu besichtigen, und doch gehört er genau genommen nicht dort hin. Er stand vom September 1887 an in Storms Arbeitszimmer in seinem Alterssitz in Hademarschen, fünfzig Kilometer südöstlich von Husum. Und hier, in der abgeschiedensten Abgeschiedenheit schrieb der Autor jene Novelle, die sein literarisches Schaffen mit einem Ausrufezeichen beschließt: unter dem kritischen Blick der von Emil Nolde geschnitzten Eulen brachte Storm die Geschichte von Hauke Haien, dem Schimmelreiter, im Februar 1888 zu Ende.

            Wohl kein anderes literarisches Werk hat so nachhaltig die kulturelle Identität der die Nordseeküste bewohnenden Menschen konturiert und deren Fremdwahrnehmung bestimmt: für Generationen von Schülerinnen und Schülern war die fiktive Geschichte des Schimmelreiters die erste Quelle ihres realen Wissens über Nordfriesland und seine Menschen. Gleichwohl handelt es sich bei der Sage, die Storms Novelle zugrunde liegt, um einen Import von der Weichsel, und die Geschichte des Unheil verkündenden Gespenstigen Reiters, so sehr sie auch ihrem Charakter nach hierher passt, gehört leider nicht unserem Vaterland, bedauert Storm in einem Brief an den Freund (und späteren Nobelpreisträger) Theodor Mommsen. In die Sammlung schleswig-holsteinischer Sagen, an der Storm während seiner Studienzeit mitarbeitet, wurde sie aus diesem Grund nicht aufgenommen. Vier Jahrzehnte später jedoch dient sie ihm als Inspiration für die Erfindung einer nordfriesischen Tradition. Und damit seine Deichnovelle ihre identitätsbildende Wirkung auch auf binnenländische Leser entfalten kann, fügt Storm ihr ein Begriffsregister bei: Marsch und Geest, Koog, Hallig, Priel – Sacherklärungen für Nichtfriesen.

            Doch Storm tut sich zunächst schwer mit dem Schimmelreiter, die Arbeit gerät immer wieder ins Stocken: andere, dem Verleger bereits vertraglich zugesicherte Novellen,  notwendige Recherchen über den Deichbau sowie Krankheiten kommen dazwischen und hindern den Fortgang. Außerdem will der Autor nicht bloß eine Gespenstergeschichte schreiben, sondern eine Novelle verfassen, die den von ihm entwickelten ästhetischen Anforderungen genügt. Diese Gattung müsse heute, so Storm 1881, die Schwester des Dramas sein und verlange einen im Mittelpunkte stehenden Konflikt, von welchem aus das Ganze sich organisiert.

            Ein Konflikt setzt zwei Dinge voraus: mindestens zwei Möglichkeiten zu handeln sowie die Notwendigkeit, sich für eine zu entscheiden. Beides fehlt in der literarischen Vorlage vom Gespenstigen Reiter. Dem Freund (und späteren Nobelpreisträger) Paul Heyse teilt Storm mit, der Schimmelreiter – auf den Titel legt er sich schon früh fest – sei ein böser Block, da es gilt, eine Deichgespenstersage auf die vier Beine einer Novelle zu stellen, ohne den Charakter des Unheimlichen zu verwischen. Irgendwann, wohl zu Beginn des Jahres 1887, kommt ihm die Idee, wie er diesen Block bearbeiten muss, damit eine modern geschnittene Novelle daraus entsteht: er erzählt die (Vor-)Geschichte, das Leben des Menschen, der zum Schimmelreiter wird, und macht ihn zu einem Protagonisten des Übergangs.

            Hauke Haien wird hineingeboren in eine Welt tradierter sozialer Mechanismen, in der Glaube und Aberglaube als handlungsleitende Kategorien miteinander ringen und die Natur als übermächtiger Dämon geehrt und gefürchtet wird. Der junge Mann jedoch ist getrieben von einer rationalistischen Vernunft, vertraut weder göttlicher Macht, noch ist er bereit, sich mit der Abhängigkeit von den Naturgewalten abzufinden. Das macht den Bauernsohn in seinem Dorf zu einem geradezu prototypischen Außenseiter und ermöglicht ihm einen sozialen Aufstieg bis zum Deichgrafen. Er erhebt sich über die in seiner Gemeinschaft geltenden Werte und wird dafür ausgeschlossen: nicht nach unten, sondern nach oben.

            Mit dieser literarischen Strategie gelingt es Storm, seinen Helden auf sozialem Terrain mit jenem Symbol in Verbindung zu bringen, mit dem in der Sage der Gespenstige Reiter verknüpft ist: dem Deich. So wie Hauke Haien das Subjekt der Novelle ist, so ist der Deich ihr Objekt. Der Deich symbolisiert im Schimmelreiter den Übergang: vom Land zum Meer, von einem Faktor der Wertschöpfung zu einem Element ihrer Vernichtung, vom sicheren Grund zum schwankenden Wasser, von der kultivierten Natur zu ihrem ungezähmten Anderen. Und Hauke Haien wird zum Protagonisten des Übergangs, weil er einen im doppelten Sinne neuen Deich baut. Neu im Sinne von neuartig, mit einem flacheren Profil, das nicht mündlich tradiertem Erfahrungswissen und dem Prinzip Hoffnung folgt, sondern auf Beobachtung, Experiment, Berechnung, Theoriebildung und Modellversuchen basiert, und neu im Sinne von zusätzlich, einen neuen Koog bildend, der Sicherheit und Landgewinn verspricht.

            Der Titelheld von Storms Novelle macht dort weiter, wo einst Faust gescheitert war. Auch der versucht – am Ende des zweiten Teils von Goethes Drama –, dem Meer Land abzuringen, lässt Entwässerungsgräben ausheben und baut einen Deich. Faust ist Visionär, will auf freiem Grund mit freiem Volke stehn (dessen Freiheit freilich dort endet, wo Fausts Machtanspruch beginnt), und er bedient sich der Macht des Teufels, um sein Werk auszuführen: Wo die Flämmchen nächtig schwärmten, stand ein Damm den andern Tag. Hauke Haien ist kein Visionär, er ist Ingenieur. Sein Wunsch ist es, etwas rechnerisch Mögliches zu realisieren, und er bedient sich einer ihm qua Amt verliehenen Macht sowie der Überzeugungskraft logischer Argumentation, um seine nordfriesischen Landsleute zu bewegen, Gespanne und Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen. Sein Landgewinnungsprojekt ist kein Teufelswerk, sondern eine moderne naturwissenschaftlich-technische Meisterleistung.

            Gerade darin sehen seine Mitmenschen aber etwas Unheimliches, und so entsteht der Konflikt, von welchem aus das Ganze sich organisiert, dadurch, dass ein Modernisierer zum Entscheidungsträger in einer traditionellen Gemeinschaft wird. - Und dadurch, wie er es wird: Protagonist des Übergangs ist Hauke Haien auch darin, dass ihm die herausgehobene Position nicht – wie bislang üblich – aufgrund von Herkommen und Besitz zufällt. Vielmehr ist er ein Bildungsaufsteiger, der durch überlegenes Wissen erst das Herz der Deichgrafentochter und anschließend Besitz und Macht gewinnt. Der Autor platziert den Schimmelreiter zwischen kollektiver Fremdbestimmung und dem Ideal individueller Autonomie oder, in den Worten des mit Storm befreundeten Soziologen Ferdinand Tönnies (der keinen Nobelpreis bekommen hat) im Übergang von der traditionellen Gemeinschaft zur modernen Gesellschaft.

            Dieser Konflikt zieht sich in mehreren Strängen durch die Novelle, und schon Haukes Vater trägt die Anlage dazu in sich. Er gilt als der klügste Mann im Dorf, hat sich aber resigniert in die soziale Ordnung gefügt und betrachtet den Bildungshunger seines Sohnes als eine Krankheit, die durch harte körperliche Arbeit zu kurieren sei. Hauke jedoch ist besessen von der Vorstellung, der Mensch solle Herr über die Natur sein und nicht umgekehrt – was zunächst die alte Trin Jans zu spüren bekommt, deren Kater Hauke mit bloßen Händen tötet, weil er ihm einen Fisch streitig machen will. Doch das Meer ist ein Gegner von anderem Kaliber, dafür genügt nicht rohe Gewalt, dafür braucht es Wissenschaft und Klugheit, und so eignet sich der kommende Deichgraf mit nicht zu zähmendem Eifer die nötigen Kenntnisse an.

            Das macht sich zunächst Tede Volkerts zunutze, der Vorgänger Hauke Haiens, den Storm als Modell eines inkompetenten Amtsträgers entwirft: faul, debil und gefräßig, das Amt mit einem pseudofeudalen Selbstverständnis vor allem als Grundlage persönlicher Bereicherung betrachtend –diese Art Lokalpolitiker soll es bis heute geben, nicht nur in Nordfriesland. Hauke Haien ist das Gegenmodell, ausgestattet mit einem modernen Arbeitsethos, zum dem Bedürfnisverschiebung und –verzicht ebenso gehören wie Grundlagenwissen und fachliche Spezialisierung. Beides versteht der angehende Deichgraf sich auf autodidaktischem Weg zu verschaffen, und damit macht er sich verdächtig. Denn intellektueller Ehrgeiz ist eine Eigenschaft, mit der man in der großen Stadt Lübeck wohl in den Ruf kommen kann, ein Wunderkind zu sein, die auf dem Land aber für unpassend gehalten wird. Hier braucht es eher Bauernschläue, wie sie Ole Peters hat, der ehrgeizige und intrigante Gegenspieler Hauke Haiens. Ole Peters hat die sozialen Normen der ländlichen Gemeinschaft verinnerlicht und versteht es, auf dieser Klaviatur zu spielen und seinen Rivalen in Misskredit zu bringen. Und wieder ist das Objekt des Konflikts der Deich: Hauke Haien, der wie kein Zweiter für das Amt des Deichgrafen qualifiziert ist, will seine Eignung mit einem prestigeträchtigen Investitionsprojekt unter Beweis stellen, dem neuen Deich. Ole Peters ist dagegen. Er setzt auf den kurzfristigen Vorteil – vor allem den eigenen – und führt die Fraktion derer an, die es mit Reparaturarbeiten am alten Deich gut sein lassen wollen. Der Modernisierer setzt sich durch, Hauke Haien bekommt seinen Deich und profitiert dabei von jener sozialen Ordnung, in die er selbst nicht integriert ist. In dieser Ordnung gibt es Pflicht und Gehorsam, aber weder Wutbürger noch partizipatorische Aushandlungsprozesse. Selbst dass der Deichgraf über Bräuche und Traditionen hinwegregiert und den Arbeitern nicht gestatten will, etwas Lebiges im Deich zu verscharren, sorgt allenfalls für Unmut, gefährdet aber nicht den Baufortschritt. Und so kann der Deichgraf schließlich mit seinem Schimmel auf dem fertigen Deich entlang reiten und landeinwärts den Karolinenkoog liegen sehen, den alle nur Hauke-Haien-Koog nennen, und zur anderen Seite mit heimlichem Stolz auf das bezwungene Meer herabblicken.

            Doch anders als der alte Kater von Trin Jans bleibt das Meer höchst lebendig und stellt den neuen Deich mit einer Sturmflut auf die Probe. Und nun sieht man ihn, den Schimmelreiter, der an den Gespenstigen Reiter angelehnt ist, wie besessen den Deich auf und ab jagen und um sein Bauwerk bangen. - Der Deich hält. Im Prinzip. Und doch geht die Geschichte nicht gut aus. Storm lässt die Katastrophe symbolträchtig an jener Stelle eintreten, die den Novellenkonflikt baulich repräsentiert: das Wasser bricht sich den Weg dort, wo der neue Deich an den alten anschließt. In diesem Bruch versinken Frau und Kind, und Hauke Haien stürzt sich mitsamt seinem Pferd hinterher.

Es ist der Übergang, der misslingt. Der schimmelreitende Deichgraf scheitert an der Natur, die er glaubt, mit den Mitteln moderner Rationalität beherrschen zu können. Er verlässt die Basis traditionellen, im sozialen Miteinander aufgehobenen Erfahrungswissens und tauscht es gegen naturwissenschaftlich-technisches Fortschrittsdenken aus. Und er scheitert an der Kultur, weil er die Menschen nicht mitnimmt auf seinem forschen Ritt in die Moderne und glaubt, sie seien selbst Schuld, wenn sie ihm nicht folgen. Hauke Haien gestaltet das Neue, ohne es aus dem Alten zu entwickeln, ohne auf den Übergang zu achten. Am Ende reißt das Neue vom Alten ab, und das Wasser und der Aberglaube schwappen über ihm zusammen. Der Deichgraf ertrinkt, und der Gespenstigen Reiter ist in der Welt.

So gelesen handelt es sich bei Theodor Storms letzter großer Novelle um eine kluge Warnung, und man möchte wohl glauben, die Eulen seien nicht ganz unbeteiligt gewesen.